S3-Leitlinie zu Brustkrebs – das ist neu!

Redaktion Mamma Mia!

© iStock / Boy Wirat

Die aktualisierte S3-Leitlinie zu Brustkrebs gibt neue Empfehlungen für genetische Tests, zu Medikamenten, schonenderen Brust-OP oder zur Brustrekonstruktion. Neu sind auch Infos zu Brustkrebs und Transgender sowie zu seltenen Brustkrebstypen – die wichtigsten Neuerungen und Änderungen im Überblick!

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Rund 75.900 neue Brustkrebsfälle gab es im Jahr 2023, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI). Etwa ein Prozent der Neuerkrankungen betrifft Männer.  Die Diagnostik und Therapie von Brustkrebs basiert unter anderem auf der medizinischen S3-Leitlinie zum Mammakarzinom. Sie dient als Leitfaden und Orientierungshilfe für Ärztinnen und Ärzte.

Diese S3-Leitlinie zu Brustkrebs (Mammakarzinom) wurde jetzt aktualisiert. Es wurden viele neue Empfehlungen aufgenommen, die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen. Eine Leitlinie gilt als „lebendes“ Dokument, das immer wieder auf den neuen wissenschaftlichen Stand gebracht werden soll.

Kurz gefasst:

Die neue S3-Leitlinie:

  • ist klarer auf personalisierte Behandlungsstrategien ausgerichtet, reduziert überflüssige Eingriffe (lokale Therapien) und umfasst neue Wirkstoffe für besondere Gruppen von Patientinnen und Patienten.
  • beinhaltet jetzt Themenbereiche, die es bislang noch nicht gab, zum Beispiel Brustkrebs bei Transpersonen, Brustrekonstruktion und Brustkrebs bei seltenen Brustkrebstypen.
  • liefert jetzt auch für diese Fragestellungen eine evidenzbasierte Orientierungshilfe zur Behandlung.

Genetische Beratung und Gentest

In Deutschland bringen schätzungsweise 30 Prozent aller Frauen mit Brustkrebs eine familiäre Belastung mit. Das bedeutet, dass Krebserkrankungen wie Brustkrebs in ihrer Familie gehäuft vorkommen. Sie erfüllen die Einschlusskriterien für eine genetische Untersuchung, die das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs festgelegt hat.

Der Gentest fahndet nach krankheitsauslösenden (pathogenen) genetischen Veränderungen (Mutationen), zum Beispiel einer Mutation im BRCA1- oder BRCA2-Gen. Für diese Gruppe von Patientinnen und Patienten wurden jetzt neue Kriterien für genetische Tests festgelegt. Auch die Beratungs- und Therapiepfade wurden angepasst.

Eine genetische Beratung und Untersuchung zum Nachweis einer erblichen Belastung sollten Ärztinnen und Ärzte anbieten, wenn mindestens eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Keimbahnmutation wie BCRA1/2, PALB2 oder RAD51C vorliegt. Dies ist der Fall, wenn in einer Linie der Familie mindestens:

  • drei Frauen an Brustkrebs erkrankt sind, unabhängig vom Alter.
  • zwei Frauen an Brustkrebs erkrankt sind, davon 1 vor dem 50. Geburtstag.
  • eine Frau an Brustkrebs und 1 weitere Frau an Eierstockkrebs erkrankt sind.
  • zwei Frauen an Eierstockkrebs erkrankt sind.
  • eine Frau an Brust- und Eierstockkrebs erkrankt ist.
  • eine Frau vor dem 36. Geburtstag an Brustkrebs erkrankt ist.
  • eine Frau vor dem 50. Geburtstag an bilateralem Brustkrebs erkrankt ist.
  • ein Mann an Brustkrebs und eine Frau an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt sind.

 

In einigen Fällen ist die mindestens zehnprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Keimbahnmutation noch nicht abschließend gesichert. Dies ist der Fall, wenn mindestens:

Deeskalieren bei der Operation

Neu in der Leitlinie ist jetzt die Strategie der „Deeskalation“ bei operativen Eingriffen. Gemeint ist damit ein stufenweises Zurücknehmen  oder „Entschärfen“ der Behandlung. Bei bestimmten Frauen sind jetzt weniger operative Maßnahmen empfohlen, die zudem schonender ausfallen. Ausgewählte Beispiele im Überblick:

Lymphknotenbiopsie (Sentinel-Node-Biopsie = SLNE)

Routine war es bisher, die Wächterlymphknoten (Sentinel-Lymphknoten) im Rahmen der (meist brusterhaltenden) Operation zu entfernen und auf Tumorzellen zu untersuchen. Der Wächterlymphknoten ist der erste Lymphknoten im Abflussgebiet des Tumors. Manchmal gibt es auch zwei oder drei Sentinels. Sind dort keine Krebszellen nachweisbar, bedeutet es, dass sich der Brustkrebs mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht ausgebreitet hat, also noch keine Metastasen gebildet hat. Finden sich dagegen im Wächterlymphknoten Krebszellen, werden meist weitere Lymphknoten im Rahmen der OP entnommen.

Bei bestimmten Frauen mit Brustkrebs sollten Ärztinnen und Ärzte jetzt auf eine Lymphknotenbiopsie verzichten, schreibt die neue Leitlinie. Der Hintergrund: Studien hatten bei bestimmten Tumortypen und –stadien keine Vorteile durch die Entfernung der Wächterlymphknoten (Sentinel-Lymphknotenexzision, SLNE) nachweisen können.

Dies gilt zum Beispiel für:

  • Frauen nach der Menopause (≥ 50 Jahre) mit cT1 cN0 HR+ HER2– G1-2-Tumoren, die eine brusterhaltende Operation (BET) mit anschließender Bestrahlung der gesamten Brust über die Haut (perkutane Strahlentherapie) und einer geeigneten systemischen Therapie (wirkt im gesamten Körper) erhalten. Dies kann zum Beispiel eine Antihormontherapie sein.
  • Frauen ≥ 70 Jahre mit cT1, cN0, HR+ HER2- Tumoren – und zwar unabhängig von der Art der Brustoperation. Sie kann entweder brusterhaltend oder als Mastektomie stattfinden.

Entnahme von Lymphknoten aus der Achselhöhle (Axilladissektion)

Auch aus der Achselhöhle (Axilla) werden bei Brustkrebs manchmal Lymphknoten entnommen, wenn im Wächterlymphknoten Krebszellen gefunden wurden. Diese OP heißt Axilladissektion oder axilläre Lymphknotenentfernung. Häufige Nebenwirkungen dieses Eingriffs sind jedoch das Lymphödem und Bewegungseinschränkungen des Arms. Sie können das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Frauen beeinträchtigen. Diese Lymphknotenentfernung aus der Achsel wurde jetzt neu bewertet:

  • Wenn ausschließlich Mikrometastasen – das sind winzige Ansammlungen von Krebszellen von 0,2 bis 2,0 Millimeter – in den Lymphknoten nachweisbar sind, sollten die Lymphabflussgebiete nicht weiter gezielt behandelt werden, zum Beispiel durch eine Operation oder Strahlentherapie.
  • Bei Frauen mit pT1-pT3/cN0-Tumoren, die eine brusterhaltende Operation mit anschließender perkutaner Bestrahlung der gesamten Brust erhalten und einen oder zwei positive Sentinel-Lymphknoten aufweisen, ist keine Axilladissektion notwendig. Das „c“ bei N0 steht für „klinisch“ und bedeutet, dass es beim Abtasten und bei bildgebenden Verfahren wie Ultraschall keinen Hinweis auf Krebszellen in den Lymphknoten gab.

 

Ziel dieser neuen Therapiestrategie ist es, unnötige operative Eingriffe und anschließende Komplikationen zu vermeiden.

Präzisere Behandlung dank molekularer Merkmale

Auch bei der Diagnostik hat sich einiges geändert. So wird jetzt empfohlen, im Rahmen der Brustkrebsdiagnostik eine ganze Reihe von Biomarkern zu bestimmen. Das sind besondere Merkmale von Krebszellen, an denen Krebsbehandlungen ansetzen können. Die molekulargenetischen Profile von Tumorzellen sind „Angriffsziele“ für Therapien. Danach richtet sich die ausgewählte Behandlung.

Schon lange ist es Standard, den Hormonrezeptorstatus (Östrogen, Progesteron) und den HER2-Status zu bestimmen. Ist der Brustkrebs hormonempfindlich (HR-positiv), kommt die Antihormontherapie zum Einsatz. Bei positivem HER2-Status ist die Anti-HER2-Therapie eine wichtige Behandlungsmöglichkeit.

Neu ist zum Beispiel:

  • Medikamente aus der Gruppe der CDK4/6-Inhibitoren sind jetzt beim HR-positiven, HER2-negativen metastasierten Mammakarzinom anwendbar.
  • Arzneien aus der Wirkstoffgruppe der PARP-Inhibitoren sind bei BRCA1/2-Mutationen eine wichtige Therapiemöglichkeit. Sie greifen in die Erbgut-Reparaturmechanismen der Zellen ein, die bei einer BRCA-Mutation gestört sind. Bei der Reparatur von Einzelstrangbrüchen spielt ein Enzym namens PARP eine Rolle. Blockiert man es durch einen PARP-Hemmer, kann die Zelle Einzelstrangbrüche nicht reparieren. Bei der Teilung der Krebszellen entsteht dann ein Doppelstrangbruch der DNA. Liegt eine BRCA-Mutation vor, lässt sich dieser Doppelstrangbruch nicht beheben. Mit der Zeit häufen sich dann so viele Doppelstrangbrüche an, dass die Krebszelle nicht mehr überlebensfähig ist und abstirbt. Das Tumorwachstum lässt sich so aufhalten.
  • Beim metastasierten Brustkrebs richtet sich die Therapie jetzt noch konsequenter nach dem molekulargenetischen Profil des Tumors. Für die Untergruppen HER2-low, PIK3CA-mutiert oder BRCA-defizient gibt es neue Therapien, die genauer auf das Tumorprofil zugeschnitten sind.

Informations- und Gesundheitskompetenz und E-Health

Angepasst wurden die Empfehlungen zur Gesundheitskompetenz und zur patientenzentrierten Kommunikation. Die medizinische Aufklärung von Patientinnen und Patienten ist zwar in erster Linie die Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten, aber sie sollten die Wünsche nach der Beteiligung von weiteren Personen an Gesprächen erfragen. Dies können der Partner oder die Partnerin und Angehörige, aber auch Fachpersonen aus der Pflege, Psychoonkologie oder der Patientenvertretung (Selbsthilfe) sein.

Besonders wichtig ist die partizipative Entscheidungsfindung (engl. Shared Decision Making). Dabei beratschlagen und entscheiden Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit ihren Patientinnen und Patienten über medizinische Maßnahmen und Behandlungen. Zusammen wägen Sie alle Vorteile, Nachteile sowie den Nutzen und die Risiken ab – erst dann entscheiden sie, am besten gemeinsam.

Neu sind zudem Empfehlungen zu E-Health-Anwendungen. Unter dem Begriff „E-Health“ werden Anwendungen zusammengefasst, welche die Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten durch moderne, digitale Informations- und Kommunikationstechnologien verbessern sollen. Auch auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität können sich E-Health-Anwendungen vermutlich positiv auswirken.

In die Rubrik „E-Health“ fallen unter anderem sogenannte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die es für verschiedene Krankheitsbilder gibt, auch für Brustkrebs. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zertifiziert diese Anwendungen und listet sie in einem DiGA-Verzeichnis. Manche DiGA sind vorläufig gelistet und die Anbieter müssen den positiven Versorgungseffekt innerhalb einer bestimmten Frist noch  nachweisen. Geschieht dies nicht, werden sie aus dem Verzeichnis wieder entfernt.  Ist dieser Nachweis erbracht, werden sie dauerhaft ins Verzeichnis aufgenommen. Ob vorläufig oder dauerhaft gelistet – in beiden Fällen tragen die  gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Dauerhaft in das Verzeichnis aufgenommen und für Menschen mit Brustkrebs geeignet sind die APPs PINK! Coach und Untire, eine Anwendung zur Unterstützung bei Fatigue.

Beeinflussbare Lebensstilfaktoren

Bei einer Brustkrebserkrankung spielt auch ein gesunder Lebensstil eine wichtige Rolle. Dazu zählt unter anderem ausreichend körperliche Aktivität, die nachweislich viele positive Effekte besitzt. Sie kann zum Beispiel Symptome wie eine Fatigue vermindern und die Lebensqualität und körperlichen Funktionen verbessern.

Einige Empfehlungen zur Bewegung:

  • Sie sollten körperlich aktiv sein und sich möglichst viel bewegen.
  • Versuchen Sie nach der Brustkrebsdiagnose, so früh wie möglich wieder zu Ihren normalen Alltagsaktivitäten zurückzukehren.
  • Neben den Aktivitäten im Alltag sollten Sie zusätzlich körperlich aktiv sein. Das Ziel sind 150 Minuten moderate oder 75 Minuten anstrengende körperliche Aktivität pro Woche.
  • Die Bewegungstherapie sollte an mindestens zwei Tagen pro Woche ein Krafttraining einschließen. Das Krafttraining kann vor allem während einer Chemo– und Antihormontherapie sinnvoll sein.
  • Wenn nach einer Brustkrebsoperation ein Lymphödem entsteht, sollten Sie in ein angeleitetes Krafttraining zur Behandlung eingeführt werden, das langsam und kontrolliert gesteigert wird.

 

Auch die Ernährung ist ein Faktor, den Sie selbst beeinflussen können. Einige Tipps:

  • Bei Übergewicht oder Fettleibigkeit (Adipositas) sollten Sie versuchen, ein gesundes Körpergewicht anstreben – und es langfristig zu halten.
  • Achten Sie auf eine Ernährungsweise, die reich an Gemüse, Obst, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchten ist und nur wenig gesättigte Fette enthält.
  • Reduzieren Sie Ihren Konsum an Lebensmitteln und Getränken, die viele Kalorien besitzen. Steigern Sie gleichzeitig Ihre körperliche Aktivität, um die Gewichtsabnahme zu unterstützen.
  • Auch Ihren Alkoholkonsum sollten Sie begrenzen oder besser ganz auf Alkohol verzichten.
  • Bei Brustkrebs eignen sich die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für gesunde Erwachsene. Sie empfiehlt eine mediterrane Ernährungsweise (Mittelmeerkost).

 

Allgemein:

Lassen Sie sich Angebote zur Unterstützung vermitteln. Sie können zum Beispiel eine Ernährungsberatung wahrnehmen. Bewegungsangebote gibt es in Sportvereinen oder Fitnessstudios. Im besten Fall haben Sie Erfahrung mit Menschen, die eine Krebserkrankung durchgemacht haben. Wichtig ist das, weil nicht alle Sport- und Bewegungsarten geeignet sind und es auch die individuellen Einschränkungen zu beachten gilt. Auch die Intensität der Bewegung muss an die persönliche Situation und die Fähigkeiten angepasst werden. Und wenn Sie Raucherin oder Raucher sind, versuchen Sie den Rauchstopp. Falls Sie es nicht alleine schaffen:  Es gibt Entwöhnungsprogramme.

Transgender und Brustkrebs

Neu in die Leitlinie aufgenommen wurde das Thema Transgender und Brustkrebs. Der Begriff „Transgender-Frauen“ umfasst laut der Leitlinie Personen, die jetzt im selbstidentifizierten weiblichen Geschlecht bei vormals zugewiesenem männlichem Geschlecht leben. Bei „Transgender-Männern“ ist es umgekehrt: Sie leben jetzt im männlichen Geschlecht, von Geburt an war es weiblich. Cis-Personen („cis“ = Lateinisch „diesseits“ und trans = „jenseits“) sind definiert als Menschen, die im gleichen Geschlecht wie nach der Geburt zugewiesen leben. Sie sind zum Beispiel als Frau geboren und fühlen sich in ihrem Leben auch als Frau.

Einige Informationen zu Transgender und Brustkrebs:

  • Bisher gibt es keine gesicherten Erkenntnisse aus Studien zur Häufigkeit von Brustkrebs in der Transgender-Bevölkerung.
  • Ein eindeutig erhöhtes Brustkrebsrisiko durch die Langzeiteinnahme von geschlechtsangleichenden Hormonen lässt sich auf Basis der wenigen vorhandenen Studien nicht ableiten.
  • Unbekannt ist es auch, inwiefern bei Transgender-Personen, bei denen schon eine Krebserkrankung diagnostiziert und behandelt wurde, die Einnahme von Geschlechtshormonen das Risiko für eine Rückkehr der Krebserkrankung (Rezidiv) beeinflussen kann.
  • Ärztinnen und Ärzte sollten Transgender-Personen über die Symptome von Brustkrebs aufklären. Der Hintergrund: Transgender-Frauen scheinen im Vergleich zu Cis-Männern ein höheres Risiko für Brustkrebs haben. Im Vergleich zu Cis-Frauen ist es jedoch offenbar niedriger. Transgender-Männer haben laut Studien ebenfalls ein höheres Brustkrebsrisiko als Cis-Männer. Allerdings ist es niedriger als bei Cis-Frauen.
  • Das Angebot einer humangenetischen Beratung richtet sich nach den Kriterien, die auch für Personen gelten, deren Geschlechtsidentität mit dem nach der Geburt bestimmten Geschlecht übereinstimmt (Cis-Population).
  • Transgender-Frauen, die fünf oder mehr Jahre eine geschlechtsangleichende Hormontherapie erhalten haben, sollte die Teilnahme an Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchungen wie der Mammographie angeboten werden.
  • Bei Transgender-Männern ist vor einer Mastektomie eine an das Alter angepasste Früherkennung empfohlen. Das entfernte Brustgewebe sollten Pathologinnen und Pathologen im Labor histologisch untersuchen. Die Mastektomie scheint das Brustkrebsrisiko bei Transgender-Männern zu senken. Es liegt nahe der erwarteten Rate bei Cis-Männer und deutlich niedriger bei Cis-Frauen.

Neue Empfehlungen in der Brustrekonstruktion

Das Kapitel zur Brustrekonstruktion nach einer vorbeugenden (prophylaktischen) oder therapeutischen Mastektomie aufgrund einer Brustkrebserkrankung enthält jetzt neue Empfehlungen, die alle modernen Operationsverfahren umfassen.

In einem interdisziplinären Beratungsgespräch, an dem Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen beteiligt sind, sollten Frauen möglichst frühzeitig ausführliche Informationen über alle Möglichkeiten der Brustrekonstruktion erhalten. Beispiele: Brustrekonstruktion mit Implantaten (heterolog), mit Eigengewebe (autolog) oder eine Kombination daraus.

Ärztinnen und Ärzte sollten jetzt auch über die flache Brustwandrekonstruktion (aesthetic flat closure) informieren. Diese spezielle chirurgische Methode eignet sich für Personen, die auf die Brustrekonstruktion verzichten möchten und sich dafür entschieden haben, „flach“ zu bleiben. Diesen individuellen Wunsch gilt es zu respektieren und zu unterstützen.

Bei einer „aesthetic flat closure“ bilden Operateurinnen und Operateure eine weiche, flache und Brustwand, die ästhetisch ansprechend ist. Sie versuchen, überschüssige Haut und Gewebewülste (Hundeohren oder „dog-ears“) in der Nähe der Achseln, im Brustbereich oder am Dekolleté sowie eingesunkene Hautpartien zu vermeiden. Wichtig bei einer „aesthetic flat closure“ sind die Schnittführung, die optimale Position der Narben sowie die Symmetrie.

Ältere Frauen mit Brustkrebs

Auch für ältere Frauen mit Brustkrebs gibt es jetzt genauere Empfehlungen zu den Themen Psychoonkologie, Supportivtherapie, Palliativmedizin, Komplementärmedizin und Lebensstilfaktoren. Mehr Berücksichtigung bei den Krebsbehandlungen sollen das biologische Alter, die Lebenserwartung, persönlichen Präferenzen sowie der Nutzen und die Risiken der Krebstherapien erfahren. Wichtig ist auch, dass viele ältere Menschen schon mehrere Medikamente aufgrund von anderen Erkrankungen einnehmen. 

Einige Beispiele:

  • Bei Frauen über 75 Jahren soll ein geriatrisches Assessment (Comprehensive Geriatric Assessment, CGA), ein Screening oder ein Geriatrischer Assessment-Algorithmus (eine Art Schnelltest) durchgeführt werden. Das gilt besonders, wenn eine Operation unter Vollnarkose oder eine Chemotherapie geplant ist.
  • Bei einer Antihormontherapie, etwa wenn eine Operation aufgrund von Gebrechlichkeit (z.B. Narkoserisiken, Grund- oder Vorerkrankungen) nicht möglich oder gewünscht ist, sollen Ärztinnen und Ärzte bei der Wahl des Medikamentes die jeweiligen Nebenwirkungen besonders beachten. Das gilt zum Beispiel im Hinblick auf das Risiko für Thrombose oder Embolie (Tamoxifen) und das Risiko von Knochenbrüchen (Aromatasehemmer).
  • Wenn bei Frauen mit hormonrezeptornegativem Brustkrebs eine OP unter Vollnarkose aufgrund der Gebrechlichkeit nicht in Frage kommt oder weil sie die OP ablehnen, sind eine chirurgische Therapie unter örtlicher Betäubung, eine Strahlentherapie oder eine rein palliativmedizinische Betreuung weitere Möglichkeiten.

Brustkrebs und seltene Tumortypen

Die neue Leitlinie enthält jetzt auch Empfehlungen für seltenere Brustkrebsarten (Tumorentitäten). Einige Beispiele:

Metaplastische Mammakarzinom

Das metaplastische Mammakarzinom (MBC) macht nur ungefähr 0,2 bis 1 Prozent aller invasiven Mammakarzinome aus. Bis jetzt sind keine besonderen Risikofaktoren für seine Entstehung bekannt. In mehr als 90 Prozent der Fälle besitzt dieser Tumortyp keine Andockstellen (Rezeptoren) für Östrogen (ER), Progesteron (PgR) und den humanen epidermalen Wachstumsfaktor (HER2). Somit ist das MBC in den meisten Fällen triple-negativ (TNBC).

Nach seiner Aggressivität lässt sich das MBC einteilen in:

  • Niedrig-maligne (low-grade) Karzinome: Dazu gehören das Adenosquamöse Karzinom niedrigen Grades und das Fibromatose-ähnliche, metaplastische Karzinom – diese beiden Varianten machen nur ein bis zwei Prozent aller MBC aus. Die Prognose ist günstig und das Gesamtüberleben hoch. Die Behandlung besteht in einer Operation, bei welcher der Tumor entfernt wird. Manchmal schließt sich eine Strahlentherapie an.
  • Hochmaligne (high-grade) Karzinome: Darunter fallen das Spindelzell-/ Plattenepithelkarzinom, das MBC mit mesenchymaler Differenzierung und das gemischte metaplastische Karzinom. Obwohl diese Tumortypen aggressiv sind, wurden nur in rund 20 Prozent der Fälle Lymphknotenmetastasen beschrieben. Hier kommen – je nach Subtyp – die Operation sowie eine anschließende Strahlentherapie und Chemotherapie in Frage.

Phylloidestumoren

Phylloidestumoren kommen sehr selten vor. Sie bestehen vor allem aus Bindegewebe und zu einem kleinen Teil aus Drüsengewebe. In den meisten Fällen sind Phylloidestumoren gutartig. Allerdings kann der gutartige Tumor zurückkehren. Die Therapie der Wahl ist die Operation, bei der der Tumor vollständig (im Gesunden) entfernt wird. Ein bestimmter operativer Sicherheitsabstand zum gesunden Gewebe wie beim Mammakarzinom ist nicht nötig. Auch wenn noch Tumorzellen im Gewebesaum nachweisbar sind, ist keine erneute OP (Nachresektion) empfohlen – stattdessen sollte eine engmaschige Kontrolle stattfinden.

Ein Phylloidestumor kann außerdem an der Grenze zwischen gut- und bösartig (borderline) oder bösartig sein. Dann kann er gesundes Gewebe zerstören, sich über die Blut- und Lymphwege im Körper ausbreiten und Metastasen bilden. Auch hier ist die Operation die wichtigste Therapie. Dabei halten Ärztinnen und Ärzte jedoch einen bestimmten Sicherheitsabstand ein.

Beim bösartigen Phylloidestumor ist in manchen Fällen (z.B. bei großen Tumoren von mehr als fünf Zentimetern) nach der Operation eine Strahlentherapie empfohlen, um die örtliche Rückfallgefahr zu senken. Die Wirkungen der Chemotherapie sind noch unklar.

Angiosarkome

Angiosarkome sind eine Untergruppe von Weichgewebesarkome, die aus mesenchymalen Stammzellen entstehen. Das sind Stammzellen, die sich zu verschiedenen Bindegewebszellen wie Knochen-, Knorpel-, Fett- und Muskelzellen entwickeln können. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Geweberegeneration. Angiosarkome können in allen Körperbereichen mit Weichteilgewebe auftreten, auch in der Brust.

Man unterscheidet zwei Arten von Angiosarkomen:

  • Primäre Angiosarkome der Brust: Dies ist die häufigste Form. Sie entwickelt sich im Brustgewebe (Drüsen, Milchgänge, Bindegewebe) und greift nur selten auf die Haut über; Lymphknotenmetastassen sind selten; das primäre Angiosarkom betrifft oft junge Frauen – im Schnitt zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr.
  • Sekundäre Angiosarkome, die durch die Strahlentherapie (Radiotherapie) hervorgerufen werden: Sie bilden sich meist in der Brusthaut, oft gibt es mehrere Krebsherde in verschiedenen Abschnitten (Quadranten) der Brust; auch das „Innenleben“ der Brust mit den Drüsen, Milchgängen und dem Bindegewebe kann befallen sein. Sekundäre Angiosarkome können sich ungefähr sechs bis acht Jahre nach der Radiotherapie entwickeln.

 

Personen mit einem Angiosarkom sollten sich von einem Sarkomboard oder in einem Sarkomzentrum beraten und behandeln lassen. Bei einem primären Angiosarkom ist die Chemotherapie und/oder Strahlentherapie eine Behandlungsmöglichkeit. Bei einem Angiosarkom aufgrund der Strahlentherapie sind die Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie mögliche Behandlungsoptionen.

Brustimplantat-assoziiertes anaplastisches großzelliges Lymphom

Ein seltener Tumor ist das Brustimplantat-assoziierte anaplastische großzellige Lymphom (BIA-ALCL). Es gehört zur Gruppe der T-Zelllymphome (Non-Hodgkin-Lymphome). Am häufigsten tritt es bei Frauen auf, die ein raues Implantat mit strukturierter Oberfläche tragen oder getragen haben. Der Tumor bildet sich im Narbengewebe (Kapsel) um das Implantat herum.

Typisch für diesen Tumor sind ein Erguss in der Umgebung des Implantats und eine Asymmetrie der Brust. Diese Anzeichen treten mehr als ein Jahr – im Schnitt sieben bis neun Jahre – nach der Implantation auf. Meist verläuft die Erkrankung schmerzlos und langsam – die Prognose beim BIA-ALCL ist sehr gut. In fortgeschrittenem Stadium können Lymphknotenmetastasen und seltener Fernmetastasen in Organen und im Knochenmark auftreten.

Ein Team von Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen sollte die Therapie gemeinsam besprechen und planen. Im Frühstadium lässt sich das BIA-ALCL operieren. Dabei entfernen Ärztinnen und Ärzte das Implantat, die Kapsel und den Tumor. Möglich ist ein sofortiger oder verzögerter Wiederaufbau der Brust mit Eigengewebe oder einem Implantat, das eine glatte Oberfläche besitzt. Kehrt der Tumor lokal zurück, lässt er sich erneut operieren. Systemische Therapien, die im gesamten Körper wirken, sind nicht nötig.

Immer auf dem Laufenden – mit dem Mamma Mia! Newsletter

Bleiben Sie informiert über alles, was in der Mamma Mia! Welt passiert:  Neue Ausgaben, aktuelle Veranstaltungen, spannende Aktionen und vieles mehr – direkt in Ihr Postfach. Jetzt anmelden und nichts verpassen!

  1. S3-Leitlinie „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“, Stand: Dezember 2025, abgerufen am 6.2.2026
  2. Robert Koch-Institut (RKI), Epidemiologisches Bulletin, abgerufen am 6.2.2026
  3. Deutsche Krebsgesellschaft, S3-Leitlinie zum Mammakarzinom aktualisiert, abgerufen am
    7.2.2026
Wissenswertes zu Brustkrebs

Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Informationen verständlich zu vermitteln. Die Informationen können jedoch eine professionelle Beratung durch ausgebildete und anerkannte Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Auch dienen sie nicht dazu, eigenständig eine Diagnose zu stellen oder eine Therapie einzuleiten.