Teresa gibt Hoffnung

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Teresa gibt Hoffnung

Christian Bitzer, Sportwissenschaftler, Heilpraktiker und Sporttherapeut (DVGS)

Krebs ist nicht „nur“ eine Krankheit, sondern wird von vielen als Schicksal empfunden, als Ende des „normalen Lebens“, als heftige Einschränkung eines aktiven, bewegten und erfüllten Lebens. Das dachte Teresa Rodrigues (43) auch. Inzwischen besteigt sie die höchsten Berge Spaniens.

2010 fühlte sich Teresa monatelang schlecht und müde. Ihr Arzt meinte: „Zu viel Stress wegen der Arbeit, der Kinder, der Familie.“ Im Januar 2011 konsultierte sie einen anderen Mediziner. Der stellte ein Bronchialkarzinom fest. Die Ärzte sahen keine andere Möglichkeit als den linken Lungenflügel, der nicht mehr zu retten war, komplett zu entfernen. Teresa war froh, dass der Krebs wegoperiert wurde, aber die Ärzte sagten ihr klipp und klar: „Erwarten Sie nicht zu viel. Große Sprünge sind mit einer halben Lunge nicht mehr drin. Mehr als 20 Minuten Spaziergang werden nicht möglich sein.“ Das war natürlich ein Schlag für eine aktive junge Frau wie Teresa. Sie war vor der Diagnose gerne gewandert und im Spinning-Kurs. Das alles sollte nun nicht mehr möglich sein?

Wer sich bewegt, bewegt was

Beim bloßen Gedanken daran verließ sie der Mut. Sie stellte sich vor, wie sie schon beim bloßen Treppensteigen würde keuchen müssen „wie eine alte Frau“. Ihr Zustand in den Tagen und Wochen nach der OP verstärkte die Hoffnungslosigkeit: „Ich konnte damals weder husten noch lachen und viel weniger gehen.“ Alles war ihr zu viel. Sie bekam nicht genug Luft. Sie schaffte es nicht einmal, ihre Kinder auf dem Schulweg zu begleiten. Manch einer versucht in so einer Lage, sich bestmöglich mit dem Gegebenen zu arrangieren, kürzer zu treten, drei Gänge runter zu schalten, sich an ein ganz anderes Leben zu gewöhnen. Nicht so Teresa. Die Ärzte hatten ihr gesagt: „Mehr als 20 Minuten Spaziergang am Tag sind realistisch betrachtet nicht drin.“ Also begann sie, täglich 20 Minuten zu spazieren.

Wer mehr macht, bekommt mehr

Nach einigen Spaziergängen bemerkte sie, dass sie danach nicht mehr so erschöpft war wie bei den ersten Spaziergängen. Auch während des Spaziergangs hatte sie mehr Luft. Also überlegte sie, ob nicht im Sinne des Wortes „mehr drin“ sein könnte und probierte es aus. Sie spazierte nicht mehr 20, sondern 23 Minuten. Für jemand, dem gesagt wurde, dass 20 Minuten die Grenze aller Träume sei, fühlen sich diese wenigen zusätzlichen Minuten besser an als jeder Weltrekord. Nach einigen Spaziergängen hatte sich ihr Körper an die neue, gesteigerte Trainingsdauer gewöhnt. Teresa hatte immer noch nur eine halbe Lunge – aber diese arbeitete jetzt viel besser und effizienter. Je besser die Lunge arbeitete, desto länger konnte Teresa spazieren – und umgekehrt: Je länger Teresa in kleinen Steigerungen länger spazierte, desto leistungsfähiger wurde ihre Lunge. Das war 2011. Heute, im Sommer 2017, hat sie sich in kleinen aber vielen Schritten so weit gesteigert, dass sie die fünf höchsten Berge Spaniens besteigen möchte, in nur wenigen Wochen. Den Camino den Santiago hat sie schon fünfmal durchwandert. Der Camino ist ein Pilgerweg, auf dem sie mittlerweile 890 km quer durch Spanien zurückgelegt hat. Ihre Ärzte sind begeistert.

Mut und Hoffnung durch das Prinzip der Progression

Sie sind so begeistert, dass sie Teresa inzwischen ins Höhentrainingszentrum in der Sierra Nevada geschickt haben, wo sie von Trainings- und Sportspezialisten untersucht und beraten wurde. Ihr Beispiel soll allen Krebspatientinnen und -patienten Mut und Hoffnung machen: Lass dir nicht einreden, dass nach Krebs das „normale“ Leben vorbei sei. Wenn ein Arzt „nur noch maximal 20 Minuten Spaziergang“ sagt, dann meint er nicht: „Darüber hinaus ist nichts mehr möglich.“ Sondern er möchte schlicht überzogene Erwartungen und eine gefährliche Überforderung durch zu ehrgeizige Ziele verhindern. Wer sich jedoch in kleinen Schritten und Schritt für Schritt steigert, erreicht Leistungen, Ziele und eine Lebensqualität, die viele vorher für unmöglich hielten. Wenn Krebspatientinnen und -patienten mich fragen, wie so etwas möglich sei, ob das ein Wunder sei, ob Teresa einfach nur „gute Gene“ hat, also eine Ausnahme ist, ist meine Antwort immer dieselbe: Das ist kein Wunder. Das ist lediglich eine logische Konsequenz des Prinzips der Trainingsprogression: Wer immer nur dasselbe Pensum herunterspult – zweimal die Woche eine Stunde Spazieren oder dreimal die Woche zum Biken oder Schwimmen – bleibt auch immer auf demselben Stand stehen. Wer jedoch seine Bewegungsintensität in kleinen Schritten stetig steigert, steigert auch Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination.

Wer trainiert wird belohnt

Aus diesem Grund empfiehlt die Medizin heute dezidiert Sport nach und bei Krebs. Eine Fülle von Studien weist nach, dass Menschen durch Bewegung, die über das Alltagsübliche hinaus reicht, ihre Gesundheit und ihr Leistungsvermögen steigern. Viele Patientinnen und Patienten verbessern ihr sportliches Leistungsvermögen sogar noch während Krankheit und laufender Behandlung. Das macht Mut: Wer etwas tut, wird belohnt. Wer seine Bewegungsintensität, sein Training steigert, steigert damit auch Leistung und Lebensqualität. Und das wollen wir schließlich alle.

 


Christian Bitzer ist studierter Sportwissenschaftler, Sporttherapeut und Heilpraktiker. Er behandelt, trainiert und berät sowohl Spitzen- und Freizeitsportler als auch viele Krebs- und andere Patienten, die für sich und ihre Gesundheit die positive Wirkung von Training und Bewegung entdecken und nutzen möchten. Sein Motto ist: „Die richtige, spezifische Bewegung ist besser als jede Pille. Denn sie hat nur positive Nebenwirkungen.“

www.bitzer-sporttherapie.de
Bitzer-Sporttherapie@t-online.de