Zehn Jahre danach

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Wie die Brustkrebserkrankung mein Leben veränderte

Es tut uns sehr Leid, wir haben einen Fehler gemacht“, sagt der Arzt mit ernster Miene. „Sie hatten gar keinen Brustkrebs, wir haben die Brust fälschlicherweise amputiert“. Ich bin entsetzt! Was soll das? „Das ist aber kein Problem“, sagt der Arzt weiter, „Sie können Ihre Brust dort in der Mülltonne suchen, dann nähen wir sie wieder an“. Ich laufe zur Mülltonne. Sie ist riesig. Sie ist gefüllt mit abgeschnittenen Brüsten. Ich nehme eine nach der anderen in die Hand und suche. Meine Brust, sie muss doch irgendwo sein. Die Brüste, die ich mir anschaue, sind alle sehr groß. „Sie müssen sich beeilen, wir schließen gleich“, tönt es von der Tür. Ich suche schneller, bin verzweifelt. Ich sehe sie nicht. „Dann nehmen Sie doch eine andere, ist doch egal“, ruft jemand. Nein, denke ich, es ist überhaupt nicht egal. Ich möchte meine Brust wieder haben. Sie war so schön, ich muss sie finden… Schweißgebadet wache ich auf. Was ist passiert? Meine Brust ist tatsächlich weg. Ich hatte einen Traum… Einen üblen Traum… Einen der Träume, die mich über Jahre quälten.

Ich hatte es für eine verstopfte Milchdrüse gehalten, schließlich hatte ich erst kurz zuvor meinen Sohn abgestillt. Dass ich mit Anfang 30 eine ernsthafte Krankheit haben könnte, kam mir nicht eine Sekunde in den Sinn. Mein Arzt sah das anders: „Das ist keine Milchdrüse, ich mache einen Termin zur Mammografie für Sie aus“. Der Radiologe war sich sicher: „Das sieht nach einem bösartigen Tumor aus“, sagte er mit ernster Miene. „Das geht jetzt nicht“, antwortete ich freundlich, „ich habe doch kleine Kinder“, und deutete auf den Einjährigen auf meinem Schoß. Ich verabschiedete mich höflich und fuhr nach Hause. Erst ganz langsam schlich sich die Realität zurück in mein Bewusstsein. Am nächsten Tag rief ich den Radiologen an und fragte, was denn nun zu tun sei. Zehn Tage später war meine Brust ab.

Wie durch ein Wunder entpuppte sich ein Bekannter der Familie als ausgewiesener Brustkrebsexperte. Er veranlasste eine Untersuchung meines Tumors an der Universität Düsseldorf mit dem Ergebnis, dass ich wohl nicht von einer Chemotherapie profitieren würde. Es folgten Bestrahlung und die Antihormontherapie. Bis heute frage ich mich, wie ich es durchstehen konnte, diese Therapie über fünf Jahre durchzustehen. Kompletter Hormonentzug im Alter von 34 Jahren. Schlaf­losig­keit, Wechsel­jahres­beschwerden, Gelenkschmerzen, das Gefühl, in dem Körper einer 90-Jährigen gefangen zu sein – alles Dinge, die ich als berufstätige Mutter mit kleinen Kindern überhaupt nicht gebrauchen konnte. An die folgenden Jahre habe ich wenig Erinnerung. Die Schlaflosigkeit hat mir alles abverlangt. Schlafentzug als Foltermethode? Das kann ich mir gut vorstellen.

An eine Sache kann ich mich gut erinnern, denn das beschäftigt mich bis heute: Ich habe das Gefühl, mich dauernd rechtfertigen zu müssen. Rechtfertigen dafür, dass ich der Universität Düsseldorf Glauben schenkte und auf eine Chemotherapie verzichtete, obwohl sie doch von den meisten Ärzten empfohlen wurde. Rechtfertigen dafür, dass ich mich gegen eine Brustrekonstruktion entschieden hatte. Obwohl man das doch heutzutage „problemlos in Ordnung bringen kann“. Und schließlich dafür, dass ich – obwohl ich schon zwei Kinder habe – noch einen Kinderwunsch hatte. „Sei doch froh, dass Du zwei gesunde Kinder hast“, hörte ich regelmäßig. Bedeutet denn ein Kinderwunsch automatisch, dass ich nicht froh über meine beiden Jungs bin? Ist es so verwerflich, sich weitere Kinder zu wünschen, wenn man schon zwei hat? Wäre es nicht schön, wenn jeder Mensch selbst entscheiden könnte, wie er die schwere Zeit einer Krankheit durchsteht, welchen Weg er wählt, was ihm gut tut und was nicht?

Die Antihormontherapie habe ich als reinste Tortur in Erinnerung. Fünf Jahre Zoladex, eine Spritze alle vier Wochen, das bedeutet 60 Spritzen plus Tabletten. 60 Spritzen, die meine Überlebenschancen verbessern sollten, die mich aber gleichzeitig hormonell kastrierten, durch die ich mich nicht mehr als Frau fühlen konnte, die meine Lebensqualität stark einschränkten. 60-mal lief ich weinend aus der Praxis. Und dennoch war klar: Ich werde diese Therapie bis zum Ende durchstehen, das bin ich meinen Kindern schuldig.

Mittlerweile ist es zehn Jahre her, dass mein Leben in eine komplett andere Richtung ging als geplant. Zehn Jahre, in denen ich alles erlebt habe – von den schönsten zu den schlimmsten Momenten meines Lebens. Wenn ich sage: „Die schönsten Momente meines Lebens…“, dann meine ich es genau so. Das bedeutet, dass die Krankheit nicht nur negative Aspekte in mein Leben gebracht hat.

Heute freue ich mich, weil ich noch am Leben bin, es mir gut geht, ich meine Kinder noch begleiten darf. Ich sehe es als Geschenk, dass ich mich mit meinen pubertierenden Kindern auseinandersetzen darf. Ich bin glücklich, weil es mir gelungen ist, viele Dinge in meinem Leben neu zu bewerten, Prioritäten neu zu setzen und Dinge entspannter zu sehen. Ich freue mich über ganz normale, belanglose Dinge im Leben. Ich genieße schöne Tage in einer Intensität, die mir vorher nicht bekannt war.

Heute bin ich dankbar, dass ich in den vergangenen Jahren stets Unterstützung durch meinen Mann, meine Kinder, meine Mutter, meine Familie und Freunde hatte. Ich bin dankbar, dass es mir einigermaßen gut gelungen ist, die Krankheit anzunehmen und selbst aktiv zu werden. Ich bin dankbar für die vielen tollen Menschen, die ich durch die Krankheit kennenlernen durfte.

Heute bin ich traurig, weil viele Dinge in meinem Leben anders kamen als geplant. Ich habe meine Unbeschwertheit verloren, mein Leben ist oftmals überschattet durch Angst, schwere Gedanken, dunkle Wolken. Ich kenne viele tolle Frauen, die keine Chance hatten, ihrer Krankheit zu entkommen. Mein Nesthäkchen, das ich mir nach meinen beiden tollen Jungs gewünscht hatte, ist nie gekommen. Mein Körper wird nie mehr so sein, wie er vor der Operation war. Noch immer vermeide ich den Blick in den Spiegel.

Heute nervt es mich, wenn die Menschen um mich herum sagen: „Man lebt halt“ oder „Muss ja…“, wenn sie permanent nörgeln, weil ihnen das Leben nicht genug bietet, weil sie sich mehr davon versprochen haben. Es macht mich fertig, wenn ich sehe, welchen Stellenwert wir als Patienten in unserem Gesundheitssystem haben.

Heute wünsche ich mir, dass ich noch viele Jahre hier sein und irgendwann Oma sein darf. Ich wünsche mir, dass ich mit Mamma Mia! noch vielen Frauen helfen und ihnen wichtige Informationen zur Verfügung stellen kann. Ich hoffe, dass ich noch viel bewegen kann – für uns, für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind.

Eva Schumacher-Wulf